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Entschädigung der Fremd- und Zwangsarbeiter über die Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft"

Breif von Wasyl Justschak 1998Zwischen 1998 und 2004 wurden von 68 ehemaligen Fremd- und Zwangsarbeitern Melde- und Arbeitsbestätigungen vom Stadtarchiv Wolfratshausen angefordert. Handschriftlichen Anfragen in Landesspra- che war eine handschriftliche Übersetzung beigefügt. Später kamen Formbriefe einer Behörde, in die durch die Behörde die notwendigen Angaben eingefügt wurden.

Aus diesen Anfragen und aus den Meldebüchern geht hervor, dass die Zwangsarbeiter in Buchberg oder im Lager Stein untergebracht waren, und Fremdarbeiter und Dienstverpflichtete, auch "Maiden", die ihr Pflichtjahr leisteten, in Föhrenwald wohnten.

Meldeblatt (Selbstanmeldung) Wasyl Justschak 1941 In dem verabschiedeten Gesetz zur Errichtung der Stiftung heißt es: "Die Leistungsberechtigung ist vom Antragsteller durch Unterlagen nachzuweisen. Liegen solche Beweismittel nicht vor, kann die Leistungsberechtigung auf andere Weise glaubhaft gemacht werden."

Vielfach waren die ehemaligen Fremd- und Zwangsarbeiter damit überfordert. Nur einige konnten noch ein wenig Deutsch sprechen bzw. schreiben. Namen und Orte waren nur noch ungenau in Erinnerung. Daher war es auch für die Post eine große Herausforderung, das Lager "Ferenwahlt bei Muninen" oder "Waltershausen 35 km weit von München" oder "Büchlberg in Niederbayern Militärfabrik" zu finden. Bei Adressen im Markt wurde aus Schererbräu "Scheinbrein" oder aus Bauernbräu "Beinrein". 

Hinzu kommt, dass seinerzeit bei der Anmeldung im Wolfratshauser Rathaus russische, polnische oder tschechische Namen nicht korrekt übernommen werden konnten. Verständigungsprobleme, Hör- oder Lesefehler waren vorprogrammiert. Bestätigung für Wasyl Justschak 1998Nur bei intensiver Suche in allen im Stadtarchiv vor- handenen Meldeunterla- gen war es möglich, den ehemaligen Zwangsarbei- tern eine befriedigende Antwort zu geben.

Einige der Anfragen mussten weitergeleitet werden. Von der AOK, der ehemaligen Reichsbahn (heute DB), der Firma Moll kamen negative Bescheide bzw. es würden keine Unterlagen mehr existieren. Hilfreich waren Listen über von der Marktgemeinde ausgestellte Invalidenkarten.

Das Geretsrieder Stadtarchiv konnte in vielen Fällen den ehemaligen Zwangsarbeitern helfen. Dort gibt es die meisten Unterlagen über das Lager Buchberg oder das Lager Stein. Ein Beispiel: Maria Kutscher schrieb am 26.1.2000 aus Winiza, Ukraine, nach Wolfratshausen: "Am 13.06.1942 wurde ich zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. Ich geriet in die Briefumschlag aus der UkraineStadt Wolfratshausen in Bayern. Hier hatte ich in einem Chemiewerk gearbeitet, wo die Teile für die Gewehre hergestellt wurden. Unser Lager befand sich im Walde, es hieß Lager Stein. Meine Nummer im Lager war 4854. Ich wurde im Jahre 1945 befreit. Jetzt möchte ich Sie bitten, meine Angaben zu prüfen und mir die Bestätigung meiner Zwangsarbeit von 1942 bis 1945 zu schicken. Mit Hochachtung Maria Kutscher." 

Sehr viele Briefe von Frauen kamen aus der Ukraine, meist berichteten sie, dass sie Geschosse hergestellt, Hülsen gepresst und andere Militärausrüstung produziert hätten. Einmal sei eine NPI-Werkhalle explodiert. Das Barackenlager, in dem sie wohnten, befand sich entlang der Straße und war mit Stacheldraht umzäunt. Sie haben zusammen mit Franzosen, Polen und Tschechen gearbeitet, diese wohnten in 10–12 km Entfernung und wurden mit dem Zug zur Arbeit gebracht. Nicht alle Zwangs- und Fremdarbeiter, die in Wolfratshausen ankamen, mussten in den Geretsrieder Rüstungswerken arbeiten. Sie wurden auch Bauern, der Industrie und Gaststätten zugeteilt.

Brief von Anna KuchartschukAnna Kuchartschuk schrieb am 22.8.2000 aus der Stadt Brody nach Wolfratshausen: "Ich wurde am 12. März 1942 aus meinem Dorf Haji Starobridski (heute Kreis Brody) nach Deutschland als Zwangsarbeiterin genommen und blieb bis zum 19. März 1944. Dann wurde ich im Zusammenhang des schlechten Gesundheitszustandes meiner Mutter nach Hause entlassen. Man brachte mich erst nach München, wo sich unser Arbeitsamt befand. Dann geriet ich nach Wolfratshausen, wo ich bis Ende meines Aufenthaltes bei zwei Herren gearbeitet habe, der eine hieß Scheinbrein, der zweite war Beinrein. Mit diesem Brief wende ich mich an Sie als die letzte Stelle, die mir helfen kann. Ich bin jetzt alt und krank, lebe in schweren Verhältnissen. Sie sind meine einzige Hoffnung, die für mich anfallende Hilfe der deutschen Regierung zu bekommen."

Bauernbräu in Wolfratshausen

Franz Bäumler vom Stadtarchiv wusste sofort, was diese beiden Wörter bedeuten. Anna Kuchartschuk konnte geholfen werden: Hans Pauli, der Sohn des damaligen Bauernbräu-Besitzers konnte sich noch gut an Anna erinnern. Sie war von seinen Eltern wie eine Tochter aufgenommen worden. Pauli nahm die Verbindung mit Frau Kuchartschuk auf. Regelmäßiger Kontakt entstand. In Briefen schilderte Anna, wie sie und ihr Mann in ärmlichen Verhältnissen lebten. Beide hatten umgerechnet nur etwa 70 DM im Monat.

Über die Presse erfuhr Hans Pauli von dem Wolfratshauser Verein "Osteuropahilfe", ihm konnte er Pakete für seine alte Freundin mitgeben. Eberhard Lukas, der den Transport begleitete, fotografierte Anna und ihren Mann. Der Verein bringt regelmäßig Hilfsgüter in die Ukraine nach Brody. Dort leben noch weitere ehemalige Zwangsarbeiter aus den Lagern Föhrenwald oder Buchberg.  

Brief von Petro Dratsch 2001Während es in den ersten Jahren für die Menschen äußerst schwierig war, ihre Ansprüche geltend zu machen, genügte in den letzten Jahren eine sog. Plausibilitätsbescheinigung.

Am 25.7.2001 schrieb der 1922 geborene Petro Dratsch nach Wolfratshausen: "Nach vielen Jahren wendet sich an Sie mit Hochachtung und großer Hoffnung auf Ihre Hilfe der Bürger der Ukraine Petro (Vater Iwan) Dratsch usw. 13.06.1942 wurde ich zur Zwangsarbeit ins Deutsche Reich verschleppt. Ich geriet zur Arbeit in Deutschland zuerst in München und von dort in die Stadt Wolfratshausen. Hier war ich in einem Sägewerk beschäftigt, wo Fenster, Baracken hergestellt worden waren. Ich sollte auch die fertigen Erzeugnisse in die Waggons laden. Mein Arbeitgeber hatte in München eine Brauerei und wohnte in München. Am 1.5.1945 wurde ich befreit." Es folgt die Bitte einer Bestätigung der Zwangsarbeit in Wolfratshausen im Sägewerk von 1942 bis 1945.

In den Wolfratshauser Meldebüchern war Dratsch nicht aufgeführt, die Anfrage wurde ohne Ergebnis nach Geretsried weitergeleitet. Bestätigen konnte das Wolfratshauser Archiv, dass es ein Sägewerk Hatz gab und dass es diese und die nachfolgende Firma nicht mehr gab. Kopien von Fotos des Sägewerks und einen Lebenslauf von Franz Hatz – aus dem auch sein Aufenthalt in München hervorging – wurden beigefügt.

Petro DratschDas Stadtarchiv konnte, dank Spenden einer Stadträtin und der Archivare, den Anfragen bei der Antwort einen Geldschein beilegen. Dratsch bedankte sich herzlich und schrieb: "Im Lager Buchberg war ich nicht, wir wohnten auf dem Territorium des Sägerwerks. Wir arbeiteten zusammen mit deutschen Arbeitern. Wir bekamen den Arbeitslohn in Höhe 15–25 RM pro Monat. Am Sonntag gingen wir frei durch die Stadt spazieren, fuhren nach München. Ich erkenne Franz Hatz auf dem Foto, er hatte in München ein Bierwerk, ich reparierte dort das Dach." Nach Kriegsende kam Dratsch in die Nähe von Dortmund. "Dann wurden wir, 20 Menschen, in den Schacht (ich erinnere mich an die Benennung nicht) befördert. Wir arbeiteten schwer und wir wurden schlecht ernährt."

Er flüchtete. Bei Flucht drohte die Todesstrafe. In einem Dorf nahe Lippstadt wurde er von dem Wirt Heinrich Jakob aufgenommen; dieser besorgte Dratsch einen Ausweis mit geändertem Namen, auf dem das hier rechts zu sehende Foto war. "Die Familie des Wirtes bestand aus den guten Menschen, wir aßen alle zusammen an einem Tisch. Nach dem Krieg wurde ich mit einer Kolonne von 25 Tausend Menschen von den Amerikanern an den Fluss Oder fortgebracht und den Russen übergeben. Zu Fuß gingen wir fast ein halbes Jahr nach Moskau. Bei Moskau arbeitete ich auf dem Bau und 1946 lief ich nach Hause in die Ukraine ins Dorf Gorodok weg."

Hedwig Zagst 2008Im Jahr 2008 kam Hedwig Zagst mit ihrer Tochter in das Stadtarchiv.  Sie wollte Unterlagen einsehen und auch die Orte besichtigen, wo sie vier Jahre ihrer Jugend verbracht hatte. Der Gedanke, eine Entschädigung zu beantragen, war ihr nie gekommen. Hedwig Zagst, geboren am 3.6.1923 in Bludenz/Thüringen war am 2.5.1941 von Lindau nach Föhrenwald, Steirer Straße 18, gekommen. Ihre Eltern hatten einmal erzählt, dass sie für Hedwig eine Ausbildungsstelle gesucht hätten und so auf Geretsried gekommen seien. Sie sollte dort Laborantin werden. Im Meldebuch "Lager Föhrenwald" wurde Hedwig anfangs noch als Fabrikarbeiterin geführt. Hedwig Zagst erzählt und schreibt auch später, dass ihr erster Eindruck von Geretsried fremd war: "Die Gebäude waren sauber und ohne Dekor, sie lagen im Wald. Im Labor wurde ich von Dr. Möbius empfangen. Dort war alles noch neu. Wir waren drei Mädchen im gleichen Alter. Nach etlichen Wochen hatten wir auch zwei Frauen (eine Russin und eine Jugoslawin) zum Saubermachen und einen Herrn für 'größere Arbeiten'.

Von Zwang war bei uns keine Rede, ich persönlich hatte verschiedene Apparate kennen gelernt, z.B. kleine Waagen, ein Instrument für Zerreißproben. Nach etlichen Wochen hatten wir in einem anderen Raum, nicht weit vom Labor, jeden Freitag theoretischen Chemie-Unterricht. Es war ein richtiger Hörsaal, dabei waren auch manchmal Gasthörer. Namentlich kannten wir niemand. Ebenfalls im Erdgeschoss des Labors befand sich auch ein Raum für Chemikalien und ein zweiter Raum mit Geräten für die Arbeit (Reagenzgläser, Bunsenbrenner usw.)." 

Hedwig Zagst erzählt weiter: "Nicht zu vergessen, wir waren im Besitz eines Luftschutzkellers, der zu unserem Glück nie gebraucht wurde. Auch bei dem Bombenangriff vom 9.4.1945 nicht." Hedwig erinnert sich nicht, dass er schlimmer war als sonst bei Fliegeralarm. Allerdings sah sie am nächsten Tag unzählige Bomben, die in der Loisach langsam in Richtung München schwammen.

Bunker in GeretsriedAm 1.7.1943 konnte Hedwig mit einer Freundin von Föhrenwald nach Wolfratshausen in das Haus Nr. 101 1/5 des Johann Wilhelm in der heutigen Badstraße ziehen. Ihre Freundin war als Sekretärin in einem anderen Gebäude in Geretsried tätig. "Der letzte Tag meines Aufenthalts in Geretsried war am 23. April 1945. Ich kam wie immer mit dem Zug aus Wolfratshausen. Im Labor angekommen, teilte man uns mit, dass wir mit dem Zug wieder zurück können, weil Geretsried geschlossen wird." Aus dem Fremdenmeldebuch geht hervor, dass Hedwig Zagst sich noch am selben Tag nach Lindau abmeldete.

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