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Auszüge aus dem Tagebuch des Matthias Kern

[. . .] Dieses Jahr nahm der kath. Bevölkerung die kath. Bekenntnisschule, wenn auch die Änderung nicht gleich sichtbar wurde. – Am 17. Juni war die Bevölkerung zu einer Versammlung in die Turnhalle geladen. Thema: Angriff auf das Deutsche Panzerschiff Deutschland.(durch spanische Rotfront im Mittelmeer. – Auf der Deutschland tat auch ein Wolfratshauser Dienst: Dischinger von Weidach.) Durch Tagebuchseite im Originaldas Ordinariat aufmerksam gemacht, versuchte ich das Pfarrvolk durch eine vervielfältigte Mitteilung zu warnen.

 

Die Versammlung am Abend war gut besucht. Freilich wenig Eltern, die Kin- der in der Schule hatten, meist jüngere Leute. Der Redner sprach wenig vom Kriegsschiff, aber viel gegen die kath. Kirche. – Am Schluss wurden die Anwe- senden gefragt. ob sie in der deutschen Schule Religionsunterricht wollten. Manche wollten gehen, aber die Turnhalle war gesperrt. – Nein sagen auf die Frage konnten sie und wollten sie nicht. Das Ja der Versammlung galt als Zustimmung zur deutschen Ge- meinschaftsschule und als Ablehnung der kath. Bekenntnisschule.

 

Eine schriftliche Abstimmung, die dann in den nächsten Tagen das Pfarramt bei den Eltern aller Schulkinder durchführte, ergab:

  • Wolfratshausen: 325 Kinder in 204 Familien, 177 für Bekenntnisschule;
  • Gelting: 70 Kinder in 43 Familien, 36 für Bekenntnisschule;
  • Dorfen: 32 Kinder (ohne Familienangabe), 27 für Bekenntnisschule;
  • Weidach: 112 Kinder in 78 Familien, 34 für Bekenntnisschule.  

Der Aufruf des kath. Pfarramtes wurde dann, zugleich mit dem Versprechen des Gauleiters Wagner in München, dass auch in Zukunft der Religionsunterricht von kath. Geistlichen in der gleichen Anzahl von Stunden in der Schule erteilt werde, angeschlagen und groß in rot dazu geschrieben: Sie lügen, sie lügen. Wehren konnte sich der Pfarrer nicht gegen die Verleumdung.

 

Aufmarsch in Wolfratshausen[. . .] Am Samstag, 22. August kamen dann 2 Beamte der Geheimen Staats- polizei aus München und ein Hilfspoli- zist von Wolfratshausen zur Hausdurch- suchung: ein Buch (Förster), Hirtenbrie- fe und persönliche Briefe, Erklärungen der Eltern zu einer Schülerwanderung nahmen sie mit. (Vorher schon meinet- wegen Untersuchung im Krankenhaus und Finanzamt = Beamtenbestechung).

 

Montag, 24. August musste ich mich in München zur Vernehmung stellen. Es war nichts als eine Protokollierung von Punkt. 1 und 3. Dann ward das Protokoll dem Inspektor Pfeifer der Geheimen Staatspolizei vorgelegt. – Der brüllte mich dann an: "Wir haben mit dem Pfarrer Kern immer zu tun. Wir wollen Ruhe vor ihm haben. Wir haben unsere Zeit für bessere Dinge." (Seit 4 Jahren hatte ich nie mehr was erfahren von Anklagen gegen mich) "Sie verzichten auf die Pfarrei Wolfratshausen, oder ich werde Schutzhaft über Sie verhängen". Den Verzicht lehnte ich ab. - Das soll das Ordinariat entscheiden. - Daraufhin ward ich abgeführt und mit 2 anderen in eine Zelle im Wittelsbacher Palais gesperrt. (ein Sozialist, ein Kommunist, beide sehr rücksichtsvoll und anständig) - Am Donnerstag Pfarrkirche Wolfratshausen27., als das Ordinariat die Resignation angenommen hatte, wurde ich entlas- sen mit der Verfügung am 16. Oktober von Wolfratshausen zu gehen. Das geschah: angebotene Stellen lehnte ich ab. Ich ging in meine Heimat, bereit zu gelegentlichen Aushilfen.

 

Ganz prachtvoll hatte sich die kath. Bevölkerung der Pfarrei gezeigt. Ganz von sich kam sie Dienstag und Mittwoch zu Betstunden für den Pfarrer in der Kirche zusammen. Sehr voll. Ohne Rücksicht auf die Gefahr wurde in der Öffentlichkeit, in Läden, auch vor Parteimitgliedern leidenschaftlich Stellung genommen zur Verhaftung und erzwungenem Rücktritt. Briefe und persönliche Besuche in der Gemeinde, beim Ordinariat, beim Landrat gemacht. Vor allem Frauen, da ja Männer gar nicht sich rühren können, wollen sie nicht eingesperrt oder irgendwo draußen in den Arbeitsdienst gesteckt werden. Aber auch Männer regten sich auf, besonders die Soldaten im Felde, eine große Anzahl von Briefen legten dafür Zeugnis ab.

 

Wahlzettel zur Reichtagswahl 1933Ich schreibe dies am 25. November 1942. Immer noch hofft die Pfarrei und kämpft die Pfarrei um meine Rückkehr. Gewollt war mein Sturz schon seit der Machtübernahme 1933. Damals schon ward mir mitgeteilt, die Gemeinde lehne mich ab als Seelsorger und Katechet. 3 mal legten mir die Kreisleiter nahe zu gehen und andere Posten = Pfarreien zu nehmen. – Dann 1938 oder 1939 Schulverbot nur für den Bereich der Pfarrei, während sonst immer für den Regierungsbezirk. Dann 1942 Anklage und Bestrafung mit 200 RM, weil Vollmilch in den Pfarrhof gebracht. Bestrafung und Klagen wegen mangelnder Verdunkelung und das alles sofort zur Gestapo gemeldet. [. . .]

 

PDF-Datei des kompletten Textes (ca. 2 MB)

 

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