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Die Jüdische Frauenschule in Wolfratshausen

Der nach dem Ersten Weltkrieg in München gegründete "Verein Jüdisches Landheim" sucht für erholungsbedürftige jüdische Kinder nach einem geeigneten Gebäude im bayerischen Oberland. In Wolfratshausen steht 1920 gerade das große Hotel Reisert zum Verkauf an. Es erweist sich als ideal für das Vorhaben. Haupt- und Nebengebäude bieten ausreichend Platz, so dass 1926 der "Jüdische Frauenbund" hier zusätzlich eine wirtschaftliche Frauenschule einrichten kann. Als erste Leiterin ist die aus Köln stammende Hannah Bodenheimer vorgesehen.

Zunächst befinden sich die meisten Schulräume im Gartengebäude. Der sehr umfangreiche erste Lehrplan ist in "wissenschaftliche" und "hauswirtschaftliche Fächer" unterteilt. Im Zentrum des Unterrichts soll natürlich mit neun Wochenstunden die Hauswirtschaft stehen, daneben gibt es u.a. Bürgerkunde, Deutsch, Buchführung und Rechnen. Aufgenommen werden Mädchen nach Vollendung des 16. Lebensjahres und dem "erfolgreichen Besuch eines Lyzeums oder einer höheren Mädchenschule"; die ersten 15 Schülerinnen stammen aus dem gesamten Reichsgebiet. Für Schulgeld und Verpflegung müssen die Eltern die stattliche Summe von monatlich 130 Mark bezahlen.

Der Tagesablauf in der Schule ist vom Wecken um 6 Uhr bis zur Nachtruhe um 20 Uhr geregelt. "Die Schülerinnen haben sich streng an die religiösen Vorschriften zu halten, die Samstagsruhe ist dem Geist des Hauses entsprechend zu wahren." Beschränkungen unterliegt auch der Ausgang am Wochenende; so dürfen die Mädchen beispielsweise nur zu zweit in den Markt Wolfratshausen.

In jüdischen Kreisen ist das Interesse an der Schule groß und schon 1928/29 steht eine Erweiterung an. Im Hauptgebäude können nun ein großer Speisesaal, ein Badezimmer sowie weitere Zimmer für je drei Mädchen, eine Lehrerin und eine Wirtschafterin eingerichtet werden.

Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten 1933 beginnt eine Phase sich steigernder Drangsalierungen, die sich zunächst auf behördlichen Schriftverkehr untereinander und mit der Leitung der "Wirtschaftlichen Frauenschule" beschränkt. Im November 1935 müssen einige der nichtjüdischen Lehrerinnen die Schule verlassen. Ihre drei nichtjüdischen Kolleginnen, beide laut Bericht des Gendarmerie-Kommissars Reichert "halbjüdisch", bleiben vorerst an der Schule. Auch die Hausangestellte aus Gelting und der Hausmeister versehen weiter ihre Dienste.

Mit einem Schreiben vom 11. Januar 1937 beruft sich der Wolfratshauser Bürgermeister Heinrich Jost auf "eine ganze Reihe von Zuschriften aus allen Kreisen der Bevölkerung" und fordert, "diese Judenplage aus Wolfratshausen abbauen und entfernen zu können". Aber erst ein Jahr später reagiert das Bezirksamt, indem es die Abhaltung eines Fortbildungskurses für jüdische Lehrerinnen untersagt. Außerdem wird, so heißt es, der "Weiterbestand des jüdischen Unterrichtsunternehmens einer Nachprüfung" unterzogen.

Am 18. März 1938 hat Jost sein Ziel erreicht. Die Regierung von Oberbayern beauftragt das Bezirksamt Wolfratshausen: "Spätestens am 30.4.39 ist die Schule und das damit verbundene Schülerinnenheim zu schließen." Eine Beschwerde der Schulleiterin Käthe Meier gegen diese Entscheidung wird vom Bayerischen Ministerium für Unterricht und Kultus am 27. April 1938 kühl abgewiesen.

Ziel der Wolfratshauser NS-Gewaltigen aber ist, das geht aus den Akten hervor, eine frühere Eliminierung des "Schandflecks". Im August 1938 beschwert sich Jost in München über das Verhalten des Bezirksamtes und fordert fast ultimativ: "Ich bitte daher nochmals das Staatsministerium . . ., die Judenschule Wolfratshausen unverzüglich schließen zu wollen und verweise auf die in dieser Richtung bereits früher gepflogenen Verhandlungen . . . Heute ist Wolfratshausen bestimmt der ungeeignetste Platz für eine Judenschule; der Ort ist klein und es besteht unbedingt die Gefahr, dass von diesen teils ausländischen Jüdinnen evtl. Spionage betrieben werden könnte."

Noch stellt die Regierung von Oberbayern in einem Schreiben vom 28. September 1938 fest: "Für die Vermutung, dass die Lehrkräfte oder die Schülerinnen Spionage betreiben oder ähnliche strafbare Handlungen begehen werden, fehlen genügende Anhaltspunkte". Doch letztlich haben die Wenigen, die sich noch für die jüdische Frauenschule einsetzen, keinen Erfolg.

Die "Reichskristallnacht" (8./9.11.1938) bietet die lang erhoffte Gelegenheit, die Schule loszuwerden. In einer dürren Aktennotiz hält der zuständige Beamte im Bezirksamt am 14. November fest: "Nach Mitteilung des Kreisleiters wurde von ihm am 10.11.38 in den Frühstunden die wirtschaftliche Frauenschule des Ortsverbandes München des jüdischen Frauenbundes geräumt. Lehrerinnen und Schülerinnen wurden aufgefordert den Ort zu verlassen. Dieser Aufforderung sind sie nachgekommen. Das Bezirksamt wurde in der Sache nicht angegangen. Was mit dem Gebäude geschieht ist noch unklar."

Käthe Meier, damals Leiterin der Schule, beschreibt fast 50 Jahre nach den Ereignissen den Tag folgendermaßen: "In der Früh um fünf weckte mich unser Hausmeister und verkündete mir, dass 50 SA-Leute vor dem Haus stehen und dass man mich sprechen will. Ich bin . . . zu ihnen, und da haben sie mir eröffnet, dass wir bis in zwei Stunden das Haus zu verlassen haben, was wir in dieser Zeit mitnehmen können, können wir mitnehmen, alles übrige bleibt da." Die Schulleiterin hilft den aufgeregten Schülerinnen beim Packen. Verständlich, dass in der knappen Frist manches vergessen wird; die Frauen waren ja schließlich aus dem Schlaf gerissen worden und die SA drängte auf rasche Erledigung.

Trotzdem gibt es auch bescheidene Formen des Anstandes. Der Fahrer der Schule, den die Schulleiterin benachrichtigen will, ist nach Auskunft seiner Frau bereits unterwegs. Doch, so Käthe Meier, "seine Frau hat ihm nachtelefoniert, und er ist zurückgekommen und hat für uns die Fahrt durchgeführt zum Bahnhof". Am Bahnhof Wolfratshausen erwartet der zuständige Beamte des Bezirksamtes – wahrscheinlich derselbe, der zuvor seine schützende Hand über die Schule gehalten hatte – die Gruppe jüdischer Frauen. Er tritt, ein beachtlicher Beleg für seine Redlichkeit, unter den Augen der SA auf die Schulleiterin zu und sagt zu ihr: "Ich schäme mich, dass ich ein Deutscher bin." Dann, mit dem Zug um 10.10 Uhr, verlassen die Schulleiterin, die letzte verbliebene jüdische Lehrerin und ihre Schülerinnen Wolfratshausen in Richtung Isartalbahnhof.

Käthe Meier berichtet weiter: "Die Gestapoleute erlaubten mir mit dem Präsidenten der Kultusgemeinde zu telefonieren. In Gestapobegleitung durfte ich dorthin fahren und bekam ein Darlehen für Fahr-karten." Frau Meier erzählt auch von dem Taxi-Pendelverkehr vom Isartalbahnhof zum Hauptbahnhof und dem Abschied, der sich über den ganzen Tag hinzog. 

Mehr darüber in: "Jüdisches Leben in München", Herausgeber: Landeshauptstadt München.

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